Wir müssen reden! Über Pseudoarchäologie und die ideologische Aneignung von Vergangenheit | L.I.S.A. Wissenschaftsportal Gerda Henkel Stiftung

lisa.gerda-henkel-stiftung.de/…

Die Antike boomt. Unter prominenten Silicon Valley-Pionieren und Tech-Milliardären jedenfalls ist eine Begeisterung für griechisch-römische Geschichte verbreitet, mit der sie zusehends zu einer reichweitenstarken Antikenrezeption beizutragen scheinen. Das Nachdenken über Rom hat es kürzlich gar zum viralen Internet-Meme gebracht Owen Carry, Why Do Men Think About The Roman Empire So Often? The Viral Question And 'Roman Empire TikTok Trend' Explained, Know Your Meme 14.09.2023. knowyourmeme.com/editorials/gu… [zuletzt aufgerufen: 05.10.2025]. . Auffällig ist dabei ein mehr oder weniger offen ausgesprochener Gegenwartsbezug, mit dem historische Ereignisse auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen projiziert werden. Von Twitter-Gründer Jack Dorseys Überzeugung, der Aufstieg Roms zur Großmacht sei insbesondere technologischem Fortschritt zuzuschreiben Jon Swartz, Jack Dorsey, the man (and mind) behind Twitter, USA Today 05.10.2015. eu.usatoday.com/story/tech/201… [zuletzt aufgerufen: 08.10.2025]. über das Zugeständnis von Meta-CEO Mark Zuckerberg, dass der von ihm bewunderte Kaiser Augustus für den erreichten „Weltfrieden“ in der Tat „certain things“ Evan Osnos, Can Mark Zuckerberg Fix Facebook Before It Brakes Democracy?, The New Yorker 10.09.2018, newyorker.com/magazine/2018/09… [zuletzt aufgerufen: 06.10.2025]. tun musste (ein gewagter Euphemismus für die römischen Bürgerkriege und den Umbau der Republik in eine Autokratie) und die libertäre Stoa-Auslegung eines Peter Thiel, Tech-Pionier von Paypal bis Palantir, in der Freiheit (gemeint ist vor allem die Freiheit der Mächtigen) zunehmend inkompatibel mit demokratischen Grundprinzipien scheint Barton Gellman, Peter Thiel is taking a break from democracy, The Atlantic 09.11.2023, theatlantic.com/politics/archi… [zuletzt aufgerufen: 08.10.2025]. bis zur kulturpessimistischen Gegenwartsanalyse Marc Andreessens, u.a. Mitbegründer von Netscape, der sich in seiner kalifornischen Heimat an die Krise Roms um 250 n. Chr. erinnert fühlt: „we live amidst an enormous flowering of culture and creativity, but the roads are becoming unsafe and nobody is quite sure why.“ Lizette Chapman, Marc Andreessen compares California to Rome circa 250 A.D. ‘The roads are becoming unsafe and nobody is quite sure why’, Fortune 04.10.2022. fortune.com/2022/10/04/marc-an… [zuletzt aufgerufen: 08.10.2025]. So viel Aktualität und Relevanz sollte uns als Altertumswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler freuen, denn dass wir mit historischer Perspektive in der Tat Herausforderungen auch in Gegenwart und Zukunft kommentieren können, wollen wir für uns und unsere Fächer schließlich gern in Anspruch nehmen. Dass einordnende Stimmen hier allerdings hilfreich sein können, mag der doch recht einseitige Fokus auf Identitätsdebatten zeigen. Dass sie unbedingt nötig sind, wird spätestens deutlich, wenn wir diese Liste bekannter (und politisch einflussreicher) Rom-Enthusiasten um Elon Musk erweitern. Denn während im Grunde jede dieser Perspektiven in einschlägigen Online-Subkulturen (wie der sogenannten Manosphere Deniese Kennedy-Kollar, Extremism and Radicalization in the Manosphere. Beta Uprising. New York: Routledge, 2024. , für die die Althistorikerin (und Schwester des Meta-/Facebook-Gründers) Donna Zuckerberg eine starke Affinität zu und Instrumentalisierung von antiken Texten und Bildern herausgearbeitet hat Donna Zuckerberg, Not All Dead White Men. Classics and Misogyny in the Digital Age. Cambridge, MA: Harvard University Press, 2018. ) anschlussfähig wäre (bzw. umgekehrt auch daraus hervorgegangen sein könnte), sucht insbesondere der Elektromobilitäts-Raumfahrt-Social-Media-Unternehmer konkret deren Nähe. Und kokettiert, durchaus öffentlich und öffentlichkeitswirksam, historisch argumentierend mit deren ideologischen Codes (erinnert sei, neben dem Auftreten als „Kekius Maximus“ Katie Hawkinson, Elon Musk changes X handle to Kekius Maximus. What does it mean?, Independent 02.01.2025. independent.co.uk/news/world/a… [zuletzt aufgerufen: 08.10.2025]. , u.a. an den vermeintlich „Römischen Gruß“ anlässlich der Feierlichkeiten zur zweiten Amtseinführung Donald Trumps Anfang des Jahres, für dessen Historizität sich so gut wie keine antiken Belege, dafür aber um so deutlichere Anleihen in der jüngeren Geschichte finden Jens Notroff, Customers who bought “It’s a Roman salute” also bought “Swastikas are just ancient symbols of luck”, Trowel and Pen 22.01.2025. trowelandpen.com/2025/01/22/cu… [zuletzt aufgerufen: 08.10.2025]. ).